Archiv für April 2014

Apr 2014 29

Der Fangschuss – nur ein literarisches Problem?


duell1In England, dem Land der Teetrinker, tobt seit hundert Jahren ein Kampf zweier Glaubensrichtungen, der „tbm-Fraktion“ und der „mbt-Fraktion“ – das sind die „tea-before-milk“-Eingießer und die Kämpfer für  „milk-before-tea“. Denn angeblich verändert es den Teegeschmack gewaltig, ob die Milch erst reinkommt oder der Tee – ich merke davon zwar nix, aber die Briten wissen das natürlich besser.

Die Sache mit der Mündungsenergie beim Fangschuss

Die deutschen Jäger können so etwas allerdings auch. Hier tobt der Meinungsstreit um die Frage, wie der § 19 Absatz 1 Ziff. 2 d des Bundesjagdgesetzes auszulegen ist; genauer: ob man bei der Bau- und Fallenjagd Kurzwaffen nur einsetzen darf, wenn die Munition eine Mündungsenergie von mindestens 200 Joule hat oder nicht. Denn der Wortlaut der Vorschrift ist, wie der Justitiar des DJV richtig bemerkt, eindeutig nicht eindeutig.

Die Vorschrift bestimmt nämlich zunächst einmal, dass auf Wild – das ist alles Wild einschließlich, aber eben nicht nur, Schalenwild – mit Handfeuerwaffen (Kurzwaffen) überhaupt nicht geschossen werden darf. Dieses Verbot enthält aber einen qualifizierten Erlaubnisvorbehalt für genau drei Arten der praktischen Jagdausübung, ausgenommen sind nämlich Baujagd, Fallenjagdsowie“ der Fangschuß; „sowie“ heißt hier weiter nichts als „und“ oder „oder“. Aber jetzt kommt der literarische Stein des Anstoßes, denn hinter „Abgabe von Fangschüssen“ steht nach einem Komma: „wenn die Mündungsenergie der Geschosse mindestens 200 Joule beträgt“. Hier scheiden sich die Geister, wofür gilt diese Mündungsenergie?

Das lösen wir jetzt mal linguistisch!

Die einen, ich zum Beispiel, sagen: bei allen drei Jagdhandlungen muss die Mündungsenergie der Geschosse mindestens 200 Joule betragen; die Länder können davon abweichen (lt. § 19, einer eingeschränkten Rahmenvorschrift) und nur drei Länder haben das getan. Die anderen meinen, die Sache mit der Mündungsenergie hängt am Fangschuss dran und bedeutet eben, dass nur beim Fangschuss darauf zu achten sei, bei der Bau- und Fallenjagd gebe es keine Beschränkungen. Der Justitiar des DJV dazu: die Frage wird in der Fachliteratur überwiegend so beurteilt, dass sich der Nachsatz „wenn die Mündungsenergie der Geschosse mindestens 200 Joule beträgt“ nur auf den unmittelbar vorangehenden Teil „zur Abgabe von Fangschüssen“ bezieht und diese Beschränkung für die Bau- und Fallenjagd nicht gilt. Zum gleichen Ergebnis kommen auch das damalige Bundeslandwirtschaftsministerium in einem Schreiben an den DJV aus dem Jahr 1978 und eine kurze Stellungnahme des Fachbereichs Literatur- und Sprachwissenschaften der Universität Osnabrück aus dem Jahr 1997.

Letzteres meint in der Tat ein „linguistisches Gutachten“ der Universität Oldenburg für die DEVA vom 20.11.1997. Das ist der Meinung, „sowie“ wäre etwas anderes als „und“ oder „oder“, obwohl auch diese Worte geeignet gewesen wären, und deshalb gelte die Mündungsenergie von 200 Joule „eindeutig“ nur für den Fangschuss.

Das ist doch mal was – ein sprachwissenschaftliches Gutachten sagt uns, was beim Fangschuss „eindeutig“ ist. Logisch allerdings, halten zu Gnaden, isses nicht. Aber das kommt davon, wenn man sich dem BJagdG linguistisch nähert.

Die wahre Bedeutung des Problems

Nun könnte man denken, das sei ein törichter Streit um Worte, zumal drei Bundesländer (Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Hessen) das auch noch anders regeln.

Aber die Frage hat einen ernsten Hintergrund:

Grundsätzlich nämlich kann sich ein Jäger auf die (meist aufgedruckten) Angaben des Herstellers verlassen, wenn der angibt, seine Patrone habe eine Mündungsenergie von >200 Joule – so die generelle Angabe bei der 22 lfB. Aber das, so sagen jedenfalls Experten, ist oft unzutreffend. Wenn es aber eine gesicherte ballistisch-wissenschaftliche Erkenntnis ist, dass die 22 lfB in der Regel unter 200 Joule liegt, muss man von einem Jagdscheininhaber erwarten, dass er das weiß? Die Verwendung von Kurzwaffenmunition mit einer Mündungsenergie unter 200 Joule bzw unter 100 Joule in S-W und BW bei Schüssen auf Wild ist nämlich bei den Jagdhandlungen, für die die Vorschrift tatsächlich gilt, verboten und eine Ordnungswidrigkeit nach § 39 BJagdG; bei Vorsatz (auch sog. „bedingtem Vorsatz“)  ggfls. eine Straftat nach § 17 TierSchG (denn der sachliche Grund der Tötung eines Wirbeltieres ist nur die erlaubte Jagdausübung, nicht die wegen Rechtsverstoßes verbotene Jagdhandlung)! Das Problem dabei ist der sog. subjektive Tatbestand, also Vorsatz oder Fahrlässigkeit – entweder beim Fangschuss oder sogar bei der Bau- und Fallenjagd. Dann hat ein Jäger möglicherweise jedenfalls gegen den Vorwurf der Fahrlässigkeit (hätte wissen können oder müssen) und damit der Ordnungswidrigkeit keine Verteidigung und riskiert gegebenenfalls seinen Jagdschein. (In Hessen allerdings gibts nie ein Problem und in S-W und BW auch nicht, weil die 22 lfB jedenfalls immer über 100 Joule bringt).

Das zeigt: es ist verd… wichtig, zu wissen, ob sich die 200 Joule nur auf den Fangschuss beziehen oder auch auf die Bau- und Fallenjagd. Sonst riskiert, wie gesagt, der Jäger zumindest bei letzteren Jagdhandlungen seinen Jagdschein.

Deshalb unser Rat: Bei Kurzwaffen immer Munition mit einer gesicherten Mündungsenergie über 200 Joule verwenden. Dann kann nix schiefgehen.

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Ihr Dr. Wolfgang Lipps

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Apr 2014 07

Holzfahrrad – Öko oder Unsinn?


Holzfahhrad BildJedermann weiß nicht nur, sondern es wird immer wieder und aller Orten bewiesen, was man aus Holz alles machen kann. Das ist erfreulich und begrüßenswert, denn Holz ist ein wunderbarer nachwachsender Rohstoff. Seit alters her macht man damit Tische, Stühle, Bänke, Pfeile, Bögen, Lanzen, Zaunpfähle, Hausbalken, Schindeln, Schaukelpferde, Klarinetten, Geigen, Zahnstocher, Alphörner und was dergleichen schöne und nützliche Dinge mehr sind. Viele von denen werden heute noch benutzt, andere wie Putzmühlen, Dreschflegel, Holunderpfeifen, Richtblöcke oder Leiterwagen sind überholt.

Da bleibt es nicht aus, dass auch mancher Gegenstand aus Holz hergestellt wird, der ziemlich unnütz oder, mit Verlaub, unsinnig ist. Aber bis auf das Loriot´sche Portemonnaie als Laubsägearbeit fällt einem da tatsächlich wenig ein.

Diesem Mangel helfen jetzt allerdings zwei Herren ab – der Herr Moritz Sanne (oben im Bild) und der Herr Matthias Broda. Von denen hatte man vorher noch nie gehört, aber die schon oft um allerlei publizierte Sottisen verdiente Märkische Oderzeitung hat das am 4. April 2014 geändert. Mit der schönen Schlagzeile: EBERSWALDE ERFINDET DAS FAHRRAD NEU und der folgenden Mitteilung: An der Hochschule mitentwickeltes Elektromobil ruft auf Messen Furore hervor. Mit der Hochschule ist die HNE (Hochschule für Nachhaltige Entwicklung) in Eberswalde gemeint, und mit Furore bezeichnet man gewöhnlich Gefühlswallungen.

Eine solche haben wir bei der Lektüre dieses Artikels heftig empfunden, nämlich ein starkes Gefühl der Belustigung verbunden mit einem des Ärgers. Ersteres, weil wir das Produkt, mit Verlaub, ziemlich albern finden und letzteres, weil es mit Steuermitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie gefördert wurde.

Aber jetzt endlich mal zur Sache: WORUM GEHT´S EIGENTLICH?

Na, wie das Bild oben zeigt: die beiden Herren, Herr Sanne als Tischler und ehemaliger Student der HNE und Herr Broda als Mitinhaber der Berliner Firma System 180 haben ein Elektro-Fahrrad aus Holz gebastelt.

Schön scheusslich, schön teuer, und nicht mal ökologisch nachhaltig.

EierköpferSoll mal später in Serie so ca. € 4000 kosten, wird also bestimmt ein paar Leutchen finden, die das Spielgeld haben, um sich mit sowas zu zeigen. Wirtschaftlich erfolgreich wird´s wahrscheinlich nie, aber das macht ja auch nix, das Schicksal teilt es dann eben mit dem Schwerkraft-Eier-Köpfer und anderen törichten Gadgets.

Als Beispiel dafür, was man mit Holz alles machen kann, ist es sicher ganz demonstrativ, aber, insbesondere mit unseren Steuergeldern, so überflüssig wie zwei kalte Füße. Da gibt es inzwischen hervorragende andere Produkte: Tragebalken für große Hallen, Bauelemente und neuerdings die großartige BaubucheHolzkonstruktion Sevilla der Firma Pollmeier, die die simple Technik des Holzfahrrads in großem Stile und erheblich hochwertiger in die Praxis umsetzt, und vieles vieles mehr.

Die ökologische Bilanz hingegen ist nach unserer überschlägigen Rechnung absolut zu vernachlässigen – wenn wir mal die Kosten eines Baumes bis zur Holzgewinnung, die Transport- und Verarbeitungskosten, und die aufgewendete Energie für alle diese Schritte zusammenrechnen, dann ist ein schönes Campagnolo-Rennrad auch nicht teurer.

Fazit:

Bastelt ruhig drauflos, Leute, je witziger desto besser – aber  bitte nicht mit meinem Geld!Laufrad

Ihr Dr. Wolfgang Lipps

Quellen:

Holzfahrrad:http://www.moz.de/lokales/artikel-ansicht/dg/0/1/1266022/

Baubuche: http://www.pollmeier.com/de/baubuche/ingenious-hardwood/

 

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