Archiv für Juni 2017

Jun 2017 01

Jagdrecht contra Weidgerechtigkeit – ein Dilemma?


ReheWir erleben es immer wieder, dass Recht und Gesetz anders ausgelegt oder angewendet werden, als das Gerechtigkeitsgefühl oder das Rechtsverständnis dies gebieten würden – der Möglichkeiten von der Rechtsauslegung über die Nichtachtung des Rechts bis zum klaren Rechtsverstoß gibt es viele – von der Annektion der Krim oder der Abschiebung nach Afghanistan bis zur Behördenwillkür im Einzelfall. So ist nun mal das Leben!

Wir Jäger haben einerseits das Jagdrecht und andererseits die Grundsätze der Weidgerechtigkeit – die vereinen in sich, über die Jahrzehnte gewachsen und akzeptiert, unser jagdliches und jagdethisches Gerechtigkeitsgefühl und das Rechtsverständnis unseres Tuns.

Beide müssen natürlich lebendig bleiben und deshalb vernünftig reformierbar sein. Das aber muss mit Augenmaß geschehen, und da erfüllt uns die letzte Entwicklung denn doch mit erheblicher Sorge.

1.    Rechtswidriger Rehwildabschuss

Rehwild gehört zweifelsfrei zum Schalenwild. Nach § 21 Abs. 2 BJagdG darf Rehwild deshalb nur aufgrund eines behördlich zu bestätigenden Abschussplanes erlegt werden. Die Länder können von diesem Grundsatz nicht abweichen, ihn insbesondere nicht außer Kraft setzen, denn er ist der Garant der Hegepflicht und der ökologischen Bestandsgarantie nach § 1 S. 2 BJagdG, dem Grundgesetz unserer Jagd!

Brandenburg jedoch verstößt bewusst und gewollt gegen diesen klaren Gesetzesbefehl. Die Neufassung des § 29 LJagdG Bbg vom 10. Juli 2014 bestimmt schlicht (Fettdruck von mir):

(1)  „Der Jagdausübungsberechtigte hat in jedem Jagdjahr für jeden Jagdbezirk der unteren Jagdbehörde bis zum 1. April einen Abschussplan für Schalenwild außer Rehwild einzureichen. 

Natürlich kommen weidgerechte Jäger und Heger mit ihrer eigenen Abschussplanung ohne Behörden bestens zurecht. Aber die Abschussplanung soll ja unser Wild (und unsere Kulturlandschaft und uns) gerade gegen die – aus den vielfältigsten Gründen leider durchaus zahlreich vorhandenen – nicht weidgerechten Jäger schützen.

Und es bleibt: § 29 Abs. 1 LJagdG Bbg ist rechtswidrig und wir alle, die wir keinen bestätigten Abschussplan für Rehwild in Händen halten, verstoßen – jetzt, wo wir dies wissen, vorsätzlich – gegen § 39 Abs. 2 Ziff. 3 BJagdG; jede Erlegung könnte danach mit einem Bußgeld bis zu € 5.000,00 geahndet werden – wird sie natürlich nicht, weil die Staatsgewalt uns die Rechtsverletzung selbst gestattet hat..

Die Perversion des Rechts – hammerhart, oder?

Frischlinge2.    Die nichtführende Bache

unsere Jagd“ berichtet in Heft 6 auf S. 10 über die Delegiertenversammlung des Landesjagdverbandes Brandenburg am 6. Mai auf Schloss Diedersdorf. Dort wurde eine neue DVO Jagd besprochen. Die Staatssekretärin Dr. Carolin Schilde (CDU) „forderte die Jäger auf, aufgrund starker Schäden an Deichen und der nahenden afrikanischen Schweinepest mehr Sauen zu erlegen.“

Und dann heißt es (Fettdruck von mir): „Außerdem sollten die Jäger den Bachenabschuss erhöhen. Dafür habe man den Begriff „führend“ neu definiert. Bachen, deren Frischlinge keine Streifen mehr tragen, gelten nun offiziell als nichtführend“.

Das kann man dem Gesetzeswortlaut nach noch gerade mal begründen.

Aber ist es auch weidgerecht? NEIN!

Jagdrechtlich ist es so: § 22 BJadG bestimmt in Abs. 4 zunächst (Fettdruck von mir):

„In den Setz- und Brutzeiten dürfen bis zum Selbständigwerden der Jungtiere die für die Aufzucht notwendigen Elterntiere, auch die von Wild ohne Schonzeit, nicht bejagt werden.“

Weiter heißt es dann aber:

„Die Länder können für Schwarzwild….. aus den in Absatz 2 Satz 2 und Absatz 3 genannten Gründen Ausnahmen bestimmen.“ Diese Ausnahmen sind eng gefasst und nennen nur: Störung des biologischen Gleichgewichts oder … schwere Schädigung der Landeskultur.

Von Schäden an Deichen oder drohenden Krankheiten ist da nicht die Rede.  Deiche sind keine Landeskultur und eine bislang nur drohende Seuche ist noch keine Störung des biologischen Gleichgewichts – das könnte sie mal werden, aber noch ist es glücklicher Weise nicht so weit.

Nun spricht das Gesetz nur vom „Selbständigwerden“, und tatsächlich kann man das dahin auslegen, dass es genügt, wenn der Frischling sich allein fortbewegen und die zu seiner Erhaltung erforderliche Nahrung selbst beschaffen kann, ohne dass er stark kümmert oder zugrunde geht. Dieser Punkt ist etwa dann erreicht, wenn die Streifen nach ca. 3 Monaten gänzlich verschwunden sind.

Mit den Grundsätzen der Weidgerechtigkeit ist das u. E. aber nicht vereinbar. Der Begriff „Aufzuchtzeiten“ ist nämlich gesetzlich nicht klar definiert, und Frischlinge brauchen die Mutter ungefähr 6 Monate lang, denn auch in dieser Zeit lernen sie ungeheuer viel, insbesondere im Hinblick auf Rottenverhalten und Fraß – das gehört unserer Meinung nach deshalb zur „Aufzuchtzeit“. Nach 3 Monaten alleingelassen vagabundieren sie häufig in Frischlingsgruppen herum, gehen zu Schaden, kümmern, und – vor allem – sind natürlich erheblich anfälliger für Seuchen! Will man also eine gesunde und damit weniger krankheitsanfällige Schwarzwildpopulation haben, dann muss man die Frischlinge scharf bejagen, möglichst eine dann nicht mehr führende Bache erlegen, Bachen ohne Frischlinge aussondern und strecken, und vor allem Rotten intakt halten und die Leitbache in jedem Fall schonen, auch wenn sie nicht führt!

Das erfordert einen guten Jäger und viel Arbeit.

Na und?

„So einer auch kämpft wird er doch nicht gekrönet“  (2. Brief an Timotheus Kap. 2 Vers 5)

Ihr Dr. Wolfgang Lipps

Jäger Zinnfigur

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