Unsinn mit Methode: der sogenannte Wald-Wild-Konflikt

 Seit Jahren – ach, was sag´ ich? Seit einigen Jahrzehnten – machen wir Jäger (oder jedenfalls viele denkende Jäger, das gibt´s auch!) uns Gedanken über die Zukunft der Jagd, einer Jagd, wie wir sie aus vielen Gründen lieben. Zugegebenermaßen wursteln gleichzeitig viele Jäger, vor allem viele Revierinhaber, gedankenlos weiter wie seit alters her. Jedoch zwingt uns vieles, das wir mit offenen Augen um uns herum in der Gesellschaft, in der Politik, in der Natur erleben vielleicht nicht unbedingt zum „Umdenken“, aber jedenfalls zum „neuen Denken“.

 Aber während wir uns gerade dieser fordernden und anstrengenden Tätigkeit hingeben, kommt neben vielerlei Herausforderungen ein Problem auf uns zu, das wir, mit Verlaub, so dringend brauchen wie zwei kalte Füße: der sogenannte Wald-Wild-Konflikt! Der eignet sich wunderbar dazu, mit tönenden Leerformeln Debatten zu führen, hinter deren überwiegender Hohlheit – Wald-vor-Wild, Wild-vor-Wald, Wald-mit-Wild oder Wald-ohne-Wild – sich ganz handfeste Interessen verstecken, die alle gegen die traditionelle Jagd gerichtet sind. Wenn wir Jäger – und damit meine ich wieder in erster Linie die Revierinhaber und dann unsere Interessenvertreter – uns auf diese nervigen Scheingefechte länger einlassen, dann graben wir uns selbst auf lange Sicht das Wasser ab.

 Zunächst: Quo vadis Jagd?

 Unter dem Titel „Vision 2030“ befasst sich die Zeitschrift Halali in der Ausgabe Februar-April mit der richtigen und einfachen Frage, wie wir in der Zukunft jagen werden. Nach einer treffenden Zustandsanalyse folgt ein etwas schwaches Resumé.

 Der Zustand aber ist rasch, wenn auch unvollständig, mit vier Bemerkungen beschrieben: Die einigermaßen überhastete und demgemäss weitgehend konzeptionslose Energiewende verändert unsere Landschaft und damit unseren, der Jäger, ökologischen Wirkungsraum in drastischer Weise; die moderne Forstwirtschaft will auf ihren schwindenden und durch wandelnde Natureinflüsse zunehmend bedrohten Forstflächen Wildschäden immer weniger tolerieren und tendiert deshalb immer stärker zum wildfreien Wald; die gesellschaftliche und damit politische Akzeptanz der Jagd in einer globalisierten und tradierter Kultur zunehmend fremder werdenden multikulturellen Welt nimmt rapide ab und gleichzeitig erobert der moderne oftmals zunächst naturfremde Mensch für verwaltete Freizeit, Sportbetätigung und Erholung immer mehr natürliche Lebensräume unter Verdrängung der dortigen Lebensformen.

 So isses!

 Unsere „Standesvertreter“, die Landesjagdverbände und der DJV, aber darunter schon die Kreisjägerschaften und Hegeverbände stehen, mangels theoretischem Unterbau, diesen Entwicklungen einigermaßen hilflos gegenüber. Da darf man sich dann nicht wundern, dass hier und da sogenannte Gutachten zur angeblichen  Wald-Wild-Problematik aus dem Boden schießen, dass sich vordergündige Waldbauinteressen in Wald-Wild-Symposien, z. B. in Göttingen 2012, in den Vordergrund drängen, dass falsch verstandener Tierschutz ausgerechnet den armen Biber protegiert, dass sogenannte Grüne als zuständige Minister allerlei, um es vorsichtig auszudrücken, merkwürdige Regelungen oft gegen die Jagd erfinden, dass die unselige Föderalismusreform den internationalen Stellenwert der Jagd und die innere Rechtseinheit beschädigt und was dergleichen Unerfreulichkeiten mehr sind. Ein kleiner Blick in den Jagdrechtsblog www.jagd-umwelt-naturschutz.de ist da ganz aufschlussreich.

 Hie Welf hie Waibling.

 Da haben wir nun im Handumdrehen eine schöne – oder weniger schöne – Frontenbildung. Die staatliche und private Forstpartie, selbst unter mancherlei Zwängen und mitten in der gigantischen Aufgabe eines modernen Waldumbaus, vertritt ihre Interessen geschickt und gut organisiert, und die sind nun mal, machen wir uns nichts vor, trotz aller gesetzlich zum Beispiel von § 1 des Bundesjagdgesetzes geforderten Lippenbekenntnisse zur Jagd auf den „Wald ohne Wild“ oder jedenfalls mit verd… wenig Wild gerichtet. In der Landwirtschaft sieht das nicht anders aus. Beide, flankiert noch von Städteplanern und Golfplatzentwicklern und Freizeitparkpromotern und Baumpfad-Heinis und dergleichen Zeitgenossen mehr sind besser organisiert und besser vernetzt als die Jäger und argumentativ ganz weit vorn. Da fühlt sich der Jäger dann nicht mal zum bescheidenen Dienstleister sondern zum Knecht oder Hilfsscherriff degradiert, wie man an dem Beitrag vom 24.02.2012 über die Jägerschaft am Ende des Holzweges oder vom 09.02.2012 über das Wald-Wild-Symposium in Göttingen im www.jagdblog.blogspot.com sehen kann.

 Das argumentative Hauptargument, der rhetorische Hammer ist da immer die gebetsmühlenhaft wiederholte Mär von den „überhöhten Schalenwildbeständen“, die von den „trophäengeilen“ Jägern gezüchtet würden und den Wald auffressen würden und deshalb drastisch reduziert werden müssen; dazu werden dann geschickte Pseudobeweise geliefert wie „Weisergatter“ und mehr oder minder stringente „waldbauliche Gutachten“ und natürlich beeindruckende Schadensfotos, deren Beweiswert häufig etwa dem der bekannten Fotos von fliegenden Untertassen oder dem Ungeheuer von Loch Ness gleicht.

 Gut, das ist jetzt mal polemisch, wie vieles von dem oben Gesagten. Natürlich gibt es überhöhte Schalenwildbestände, aber eben nicht flächendeckend, sondern sehr lokal. Da muss was passieren – was, dazu kommen wir noch. Natürlich gibt es auch, punktuell oder lokal oder höchstens mal kleinräumig regional, untragbare Wildschäden. Auch da muss was passieren – was, das sagen wir noch. Natürlich müssen wir alle darüber sprechen, vielleicht auch diskutieren, aber bitte nicht an runden Tischen – die sind ein Synonym für die Einigung vieler auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner, und der ist fast immer viel zu klein! Natürlich gibt es Trophäenjäger oder Jagdrambos, die den Zug der Zeit verpasst haben, aber die werden schon von den Jagdgesetzen in Zaum gehalten.

 Was wir aber gegenwärtig haben, ist polemische Totschlagdiskussion von den radikalen Rändern der beteiligten Gruppen her, und das brauchen wir wie die oben zitierten kalten Füße.

 Worum geht´s denn nun wirklich?

 Nach dem Vorgesagten sieht man, jedenfalls dann, wenn man die Diskussion gutwillig angehen will, dass es darum geht, erkannte Konflikte einer gemeinsamen Lösung zuzuführen. Das ist ja nun nichts Neues, das ganze Leben dreht sich darum. Wie also halten wir den Ball flach und gehen alle erfolgreich und gut gelaunt nachhause?

 Da hilft uns ein inzwischen schon fast wieder verpönter Begriff, immerhin eine Erfindung oder jedenfalls Findung der Forstwissenschaft: Die Nachhaltigkeit. Schreien Sie nicht gleich auf, es folgt keine schwülstige Definition, sondern nur der Hinweis, dass wir die Erde bekanntlich nicht von unseren Vätern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen haben. Deshalb dürfen wir „uns die Erde untertan machen“, säen und ernten, züchten und töten, wir dürfen die Früchte ziehen, aber die Substanz nicht zerstören. Das ist, bei aller Streiterei über den Begriff, eigentlich inzwischen allgemein akzeptiert.

 Die einzelnen Wirtschaftsbereiche, in denen wir leben, sind deshalb sogenannte „Nachhaltswirtschaften“, und ganz besonders trifft das zu auf die Waldwirtschaft, die Landwirtschaft und – na klar! – die Wildbewirtschaftung, vulgo: die Jagd. Alle diese Bereiche werden nachhaltig genutzt, wozu natürlich auch gehört, dass der Nutzen gemehrt werden muss, weil letztlich Menschen davon leben. Und modernes Wirtschaften erfordert auch modernes Wirtschaftsmanagement. Das haben die Forstleute ebenso erkannt wie die Agrarwirtschaft.

 Wer´s noch nicht kapiert hat, sind die Jäger.

 Das macht aber nichts, auch wenn viele wie der Jagdblog etwas anderes meinen. Denn die verschiedenen Nachhaltswirtschaften, für unser Problem insbesondere Wald und Jagd, überschneiden sich natürlich, und das gibt dann Konflikte. Der Wald braucht möglichst wenig Verbiss bei geringen Bewirtschaftungskosten, möchte also die Naturverjüngung ohne Schutzmaßnahmen hochbringen, und da ist garkein Wild natürlich noch effizienter als Wild. Die Jagd möchte (und muss laut Jagdgesetzen) einen gesunden und artenreichen Wildbestand haben, den man möglichst auch noch bejagen kann. Aber der muss halt äsen, und das Rehwild als Konzentratselektierer liebt nun mal die frischen Terminaltriebe der jungen Bäume und schafft ganz schön was davon weg. Hirsche wiederum, insbesondere dann, wenn Verkehr oder Landwirtschaft oder Tourismus oder Sport sie in kleiner werdende Waldgebiete zwingen, gehen mächtig zu Schaden.

 Diese Konflikte werden zunächst einmal generell durch das Recht geregelt. Die Jagdgesetze, die Naturschutzgesetze, die Waldgesetze bestimmen die generellen Grenzen. So regeln die Jagdgesetze zwar einen Vorrang des Waldes (wie der Landwirtschaft) und sind insofern schon eine Art „Wald-vor-Wild“-Regelung, aber die Untergrenze ist eben, weil Wild ein zu unserer Landschaft gehörendes Kulturgut ist, der „biotopgerechte gesunde und artenreiche Wildbestand“. Der muss natürlich die gehegte Biomasse äsen, und das muss der Forst- oder Landwirt hinnehmen; das ist die sogenannte „Tragbarkeitsgrenze“, die nicht ersatzpflichtig ist und von den Gerichten zunehmend anerkannt wird.

 Wie das nun im örtlichen Detail geregelt sein muss, wieviele „Schalenwildeinheiten“ also ein bestimmtes zu definierendes Biotop unter dem Dach der generellen Regelung verträgt, das muss örtlich festgelegt werden. Da müssen dann die Forstleute und die für den Wildbestand zuständigen Jäger sich einigen, aber nicht unter ideologischen Postulaten, sondern als gleichberechtigte Partner zweier einander bedingender Lebensgemeinschaften. Wenn sie sich nicht einigen können, müssen sie ein gemeinsames fachlich qualifiziertes Mediationsorgan einsetzen, das, wie letztlich die Gerichte, eine „Befriedungsfunktion“ ausübt, der sich alle unterwerfen.

 Warum aber klappt das noch nicht so richtig?

 Betrachtet man die einzelnen Protagonisten, so erkennt man, dass bisher die Jäger in diesem System noch das schwächste Glied und deshalb leicht ein Spielball polemisch verbrämter Durchsetzung der Partikularinteressen von einigen Waldbesitzern oder Naturschützern oder wem auch immer sind. Das wird natürlich dadurch begünstigt, dass, mal als Beispiel, 20 oder mehr lokale Jagdpächter sich einem straff geführten und wirtschaftlich modern denkenden Agrar-Großbetrieb gegenübersehen, oder 20 Begehungsscheininhaber einem ebenso geführten staatlichen Forstbetrieb. Da fällt der Begriff der gleichberechtigten Partnerschaft gleich mal durch die Ritze.

 Methode mit Sinn oder Unsinn mit Methode?

 Besser das Erste. Der Wald-Wild-Konflikt ist einfach so, wie er heute rumposaunt wird, Unsinn (bei Hamlet heisst es noch krasser: Wahnsinn) mit Methode, wobei die Methode eben einfach die Durchsetzung von Partikularinteressen auf Kosten des Schwächeren ist, und das ist letztlich allemal unser Wild und dann unsere Jagd! Dabei können alle Beteiligten bei einigem guten Willen die durchaus vorhandenen Probleme gemeinsam erkennen und dann darüber sprechen und dabei natürlich Konflikte benennen und sich zunächst über die Ober- und Untergrenze der Konfliktlösung verständigen und dann die Lösung beschliessen oder, wenn sie das nicht können, entscheiden lassen. Wahrscheinlich müssen die Jäger, wieder vor allem die Revierinhaber, sich dafür neu auf die Grundlagen besinnen, anders organisieren, und die Interessen der – Gegenseite? Nein, Partner in Forst- und Landwirtschaft – verinnerlichen, vor allem heutzutage auch die ökonomischen Interessen. Dann sollte es diesen albernen Konflikt so nicht mehr geben!

 Man „muss nur wolle könne“.

 Mit Weidmannsheil Ihr

Dr. Wolfgang Lipps

 

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