Der „Wald-Wild-Konflikt“

Am 5. Mai 2010 haben der BfN, der DFWR und die ANW ein sogenanntes „Gutachten“ zum ebenfalls sogenannten „Wald-Wild-Konflikt“ vorgelegt. Die gleichzeitig vom BfN herausgegebene Presseerklärung macht schon allein ziemlich deutlich, worum es den Autoren der Universitäten Göttingen und München und damit den drei Initiatoren geht. Das 175 Seiten umfassende Gutachten beginnt bei der bereits sattsam breitgetretenen Erörterung der angeblichen Misere: „Überhöhte Schalenwildbestände führen in weiten Teilen der deutschen Wälder zu massiven Problemen; die eingetretenen Schäden sind nicht nur ökologisch bedenklich (ein beliebtes Alibi-Argument), sondern (und hier kommt gleich des „Pudels Kern“) haben auch eine erhebliche ökonomische und damit finanzielle Dimension.“ Die wird etwas weiter dann als ein „ökonomisches Desaster“ bezeichnet, welches sich die Waldbesitzer „und die Gesellschaft“ (wer immer das sein mag) nicht mehr leisten könnten.

Schon da hört man Nachtigall trapsen!

Das Gutachten selbst ist lesenswert. Es ist eine geschickte Mischung von Richtigem und Falschem, von einseitig Gewichtetem und aus durchschaubaren Gründen Heruntergespieltem, von polemischer Überhöhung bestimmter Ansichten und gezielt einseitiger Zitatpraxis. Das zieht sich durch das gesamte Gutachten, dessen Intention und Zielrichtung dem aufmerksamen Leser dennoch nicht verborgen bleiben. „Wissenschaftlich“ ist das allenfalls, wenn überhaupt, vordergründig. Unter dem Deckmantel einer anscheinend wertneutralen Abwägung von Forstbetrieb, Jagd und Naturschutz wird ein Prinzip „Wald vor Wild“ postuliert, das verlangt, dass „die berechtigten Ansprüche der Forstwirtschaft auf Schutz gegen Wildschäden voll gewahrt bleiben“. Unter „voll“ verstehen die Autoren eine Jagd, die durch Reduktion der Schalenwildbestände, in erster Linie Rot- und Rehwild, sicherstellt, dass die natürliche Verjüngung des Waldes ohne Schutzmassnahmen geschehen kann – das Gutachten sagt zwar, es solle das „im Wesentlichen“ so sein, stellt aber gleichzeitig klar, dass der Waldbauer nicht verpflichtet ist, Schutzmassnahmen zu ergreifen, und dass selbstverständlich die Schäden unabhängig vom Verschulden weiterhin ersetzt werden müssen. „Voll“ meint also wirklich: „voll!“

Mit anderen Worten: Das Gutachten verkürzt die komplizierte Abgrenzung der Nachhaltswirtschaften Jagd und Forst auf die simple Frage des Wildschadens einiger Schalenwildarten und stellt hier apodiktische Maximalforderungen für den Wald und in Wahrheit, wenn auch verbrämt, gegen das Wild auf. Darüber täuschen auch die Lippenbekenntnisse für einen gesunden und artenreichen Wildbestand als Hegeaufgabe der Jagd nicht hinweg.

Nun haben die Autoren natürlich erkannt, dass die notwendigen Grenzziehungen zwischen sich überschneidenden Nachhaltswirtschaften immer durch das Recht gezogen werden. Deshalb machen sie sich einigermassen subtil – um auch mal was Nettes zu sagen – an das Jagdrecht im Zusammenspiel mit dem Naturschutzrecht und einigen verwandten Rechtsinstituten wie den Waldgesetzen heran und erklären uns, wie das reformiert und in ihrem Sinne verändert werden muss – interessanterweise unter Zuhilfenahme einiger bayerischer Bestimmungen und natürlich ohne die Jäger bisher an der Diskussion beteiligt zu haben. Auch taucht der Begriff der „Nachhaltigkeit“, sicherlich ganz bewusst, im Gutachten nicht auf.

Insgesamt will das Gutachten schon in der gegenwärtigen, nach Ansicht der Autoren jedoch einigermassen ungeordneten und unabgestimmten polymorphen Rechts- bezw. Gesetzeslage einen eindeutigen Vorzug des Gesetzgebers für die Hauptnutzung der Waldbewirtschaftung sehen gegenüber der lediglich als Nebennutzung zu qualifizierenden Jagd. Da, wo das Gutachten das aber für unklar oder unbefriedigend geregelt hält, soll das Recht massiv geändert werden. Eine eindeutige Zusammenfassung der Ergebnisse des Gutachtens liefern dessen Autoren Ammer, Vor, Knoke und Wagner selbst, deren Fazit im Wesentlichen lautet: „Wichtiger (ist) eine konsequente Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben …durch eine deutliche Reduktion der unnatürlich hohen Dichten jener Tierarten, auf die die hohe Verbissbelastung der Waldverjüngung zurückgeht. Dies scheitert … an behördlichen Defiziten im konsequenten Gesetzesvollzug, vor allem aber am Widerstand der mehrheitlich an hohen Wilddichten interessierten Jägerschaft“.

Die, wie erwähnt, bisher noch keiner dazu gefragt hat.

Die Stiftung natur+mensch stimmt der Initiative insoweit zu, als das Thema selbst nach einem neuen und ernsthaften Dialog zwischen Naturschützern und Naturnutzern verlangt – eine Haltung, die gerade im Hinblick auf die Biodiversität, die immer auf dem Boden der Nachhaltigkeit steht, zu bejahen ist. Jochen Borchert, der Vorsitzende der Stiftung, kann dennoch nicht umhin, festzustellen, dass dieses Gutachten die Gräben zwischen den Partnern weiter aufgerissen hat denn je. Und so zieht die Stiftung das richtige Fazit: „Wer bei der Präsentation der Studie jedoch erwartet hatte, dass wissenschaftliche Daten nun die Basis für einen neuen gesellschaftlichen Konsens und gemeinsame konstruktive Schritte legen würden, wurde enttäuscht.“

Wir vom Institut für Jagd Umwelt und Naturschutz meinen: Die Grenzziehung zwischen den sich überschneidenden Nachhaltswirtschaften Jagd und Forst wird durch das Bundesjagdgesetz und die übrigen gesetzlichen Bestimmungen bereits generell vorbestimmt, muss aber jeweils im Einzelfall im Detail feinabgestimmt werden; das ist die auch im Gutachten angesprochene „Steuerungsfunktion des Rechts“. Die Instrumente der Feinabstimmung bedürfen mit Sicherheit einer weiteren eingehenden Diskussion, aber zum einen auf der Basis der generellen Gesetzesvorgaben, hier ganz wesentlich des § 1 BJagdG, und zum anderen unter Einbeziehung selbstverständlich auch der Jägerschaft. Hier können wir alle, insbesondere der Jäger vom Forstmann und umgekehrt, nur lernen.

Eine wissenschaftlich verbrämte Polemik jedoch ist genau der falsche Weg – die Folgen tragen: der Wald, das Wild und die Gesellschaft.

Dr. Wolfgang Lipps
JUN.i Institut für Jagd Umwelt und Naturschutz

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