Nachtzieltechnik – die Erosion der Weidgerechtigkeit

Es ist eine gesicherte Erkenntnis der Psychologie: Hilflosigkeit erzeugt Gewalt. Landwirtschaft, Forst und Jagd stehen den wachsenden Schwarzwildbeständen hilflos gegenüber – so meinen sie jedenfalls – und so eskaliert die Gewalt gegen dieses Wild.

Es begann mit der Aufhebung des Nachtjagdverbots. Und heute landen wir über die Erlaubnis künstlicher Lichtquellen [1] und von Saufängen [2] bei der Ausrüstung von bislang 16 brandenburgischen Förstern mit Nachtzieltechnik [3] (mit zweifelhafter rechtlicher Begründung). Inzwischen meint man in Brandenburg, der Mutterschutz der Sauen ende, wenn die Frischlinge die Streifen verlieren – was bekanntlich nicht nur blöd sondern unweidmännisch ist – s. Jagdrechtsblog vom 30.11.17.

Inzwischen wird Nachtzieltechnik für Jäger ernsthaft diskutiert und von vielen befürwortet, wird also wohl kommen. Und bald wird man bei Drückjagden erleben, wie Drohnen mit gezoomten Bildern Schwarzwild aufspüren und Hundeführer und Treiber präzise ans Wild führen.

„Weit wogt und wallt der Hader“   [4]

Bislang konnte man die Notwendigkeit scharfer Schwarzwildbejagung mit den steigenden Schäden in der Landwirtschaft begründen. Die sind zwar ernst, und eine erfolgreiche Jagd schwer, aber so richtige Gewalttätigkeit gegen die Wutze lässt sich damit nicht rechtfertigen.

Aber jetzt haben wir dafür den richtigen Popanz: die böse afrikanische Schweinepest. Zwar wird darüber viel Unsinn geredet – s. unseren Blogpost „ASP und der Popanz Jagddruck“ vom 13. Februar 2018, aber als Argument in der Diskussion der Unwissenden ist sie allemal wirkungsvoll. Denn eines ist ja richtig: je weniger Wildschweine es gibt, desto weniger können infiziert und damit kurzzeitig ansteckend werden.

Also weg mit ihnen.

Und die Weidgerechtigkeit?

Nach dem BJagdG sind bei der Jagd die „allgemein anerkannten Grundsätze deutscher Weidgerechtigkeit“ zu beachten. Aber die stören nicht nur niemanden mehr, sondern es wird z. B. so kommentiert: „Waidgerechtigkeit fängt immer beim Einzelnen an – und muss sich immer an die Gegenwart anpassen. Der Wildschaden durch marodierende Sauen ist in einigen Ecken Europas existenzgefährdend, und dem sollte man als Landwirt auch Rechnung tragen können. In anderen Regionen hingegen könnte man die Nachtjagd getrost einstellen[5].

Das ist natürlich, mit Verlaub, zu kurz gesprungen, von der Polemik der „marodierenden“ Sauen und der „Ecken Europa“ mal abgesehen.

Weidgerechtigkeit“ ist ein sog. unbestimmter Rechtsbegriff. Wenn der Gesetzgeber derartige Begriffe verwendet, dann ist das kein Zeichen von Ratlosigkeit oder unklarem Denken. Vielmehr kommt es ihm darauf an, künftige konkrete Entwicklungen in der Praxis nicht durch eine zu genaue feste gesetzliche Regelung auszuschließen, sondern Praxis und Rechtsprechung einen gewissen schöpferischen Spielraum zu überlassen. Unbestimmte Rechtsbegriffe müssen also jeweils ausgelegt werden. „Bei der Auslegung unbestimmter Rechtsbegriffe kommen die allgemeinen Auslegungsregeln zur Anwendung. Dabei wird vom Wortsinn der unbestimmten Rechtsnorm ausgegangen (grammatische Auslegung), ihre parlamentarische Entstehungsgeschichte untersucht (historische oder subjektive Auslegung), ihr Sinn und Zweck hinterfragt (teleologische Auslegung) und ihre systematische Stellung im Gesetz geprüft. Die Auslegung kann den Behörden nur ausnahmsweise einen gewissen Beurteilungsspielraum eröffnen, der gerichtlich voll nachprüfbar ist[6].

Weidgerechtigkeit meint auch „Nachhaltigkeit“

(1) Wild ist ein wesentlicher Bestandteil der heimischen Natur. Es ist als unverzichtbarer Teil der natürlichen Umwelt in seinem Beziehungsgefüge zu bewahren. Der Schutz des jagdbaren Wildes und seiner Lebensräume ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

(2) Dieses Gesetz dient dazu,

  1. einen artenreichen und gesunden Wildbestand in einem ausgewogenen Verhältnis zu seinen natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten;

2……….

So ergänzt das Landesjagdgesetz Brandenburg den § 1 des Bundesjagdgesetzes, unseres jagdlichen „Grundgesetzes“. Ziff 4 des Gesetzes bestimmt seinen Zweck auch damit, „die von jagdbaren Tieren verursachten Schäden am Wald und auf landwirtschaftlichen Kulturen auf ein wirtschaftlich tragbares Maß zu begrenzen“, und nimmt damit den Vorrang der Land- und Forstwirtschaft des § 1 Abs. 2 BJagdG auf [7].

Auch Sauen haben also einen Anspruch darauf, irgendwann im Laufe des Tages oder der Nacht nicht verfolgt zu werden, nicht zu früh von ihren Frischlingen getrennt zu werden, nicht in Saufängen erschlagen zu werden – also: weidgerecht bejagt zu werden. Auch sie sind unverzichtbarer Bestandteil unserer Kulturlandschaft. Aber inzwischen haben wir zwischen Amazon Google und Co. Nicht nur keine Privatsphäre mehr, sondern auch unsere Sauen! Und die werden sich rächen, schlau wie sie sind. Sie werden noch heimlicher, noch verstreuter, noch schädlicher– kurzum: auf mittlere und lange Frist ist Aufrüstung nie dauerhaft erfolgreich!

Scharfe Bejagung ja, Schädlingsbekämpfung : NEIN!

Es ist richtig, dass Schwarzwild scharf bejagt werden muss. Aber zum einen müssen die Mittel dazu immer noch weidgerecht sein, und zum anderen sind andere Paradigmenwechsel gerade auch zur Bekämpfung der Schweinepest heute wichtiger denn je. Die Landwirtschaft muss den großflächigen Anbau von Mais und Raps überdenken und Bejagungshilfen geben, Fruchtfolgen ändern, Maissilage verringern u.a.m. Die ASP erfordert ganz andere Prävention an der Grenze, auf den Fernstraßen, im internationalen Güterverkehr und bei den deutschen Schweinebetrieben.

Dr. Diana Pretzell vom WWF findet das derzeitige „mediale Halali“ bei der Debatte um die Afrikanische Schweinepest für überflüssig. „Der Ruf nach Jagd als Allheilmittel ist purer Aktionismus. Er lenkt von den Ursachen der gewachsenen Wildschweinbestände ab[8].

Neue Technik kann gut und richtig sein, aber verlangt Augenmaß. Man muss nicht alles machen, nur weil man´s kann, sondern nur das, was man machen sollte.

Meint Ihr

Dr. Wolfgang Lipps

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Fußnoten;

[1] Allgemeinverfügung des Ministeriums für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft zur befristeten Einschränkung von § 26 Absatz 2 des Jagdgesetzes für das Land Brandenburg – Bekanntmachung des Ministeriums für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft Vom 6 November 2017

[2] https://www.outfox-world.de/news/brandenburg-genehmigt-saufaenge-zur-asp-abwehr.html

[3] https://www.jagderleben.de/news/landesforst-brandenburg-ruestet-nachtsicht-vorsatzgeraeten

[4] „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ 1916 von Walter Flex, Vertonung Robert Götz.

[5] https://www.jaegermagazin.de/jagdausruestung/zielfernrohre-und-optik/nachtzielgeraet-im-test-guter-vorsatz-schlechtes-image/

 [6] Wikipedia

[7] Die Hege muß so durchgeführt werden, daß Beeinträchtigungen einer ordnungsgemäßen land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Nutzung, insbesondere Wildschäden, möglichst vermieden werden.

 [8] https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/wwf-jagd-kein-allheilmittel-gegen-afrikanische-schweinepest-9596479.html

1 Kommentar zu „Nachtzieltechnik – die Erosion der Weidgerechtigkeit“

  1. Titus von Unhold sagt:

    Das einzige was noch weniger waidgerecht ist als Nachtzieltechnik, ist die nächtliche Bejagung der Sauen ohne eine solche. Wie oft geht das Geschoss in das falsche Ende oder streift den anvisierten schwarzen Klumpen vielleicht nur? Manche Nachsuchenführer schätzen 30 Prozent…

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